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Die Heimat der „Heimat“

Begegnungen mit Hunsrückern und ihrer Geschichte

von Monika Kirschner


 

Unverhofft im Zentrum der Aufmerksamkeit

 

Seit den 1980ziger Jahren des letzten Jahrhunderts vollzieht sich auf dem Hunsrück Erstaunliches. Menschen in ferner Zukunft werden sich die Geschichte vielleicht einmal wie folgt erzählen:

 

„Vor langer, langer Zeit lebte in Morbach ein Uhrmachermeister, der hatte zwei Söhne. Der eine übernahm das Handwerk des Vaters, der andere aber zog in die fernen Städte. Nach vielen Jahren trieben ihn die Erinnerungen zurück. Er wanderte in seiner alten Heimat umher und erzählte den Menschen ihre Geschichten in einem ganz neuen Glanze; in den glutvollen Farben des Feuers, aber auch die grauschwarzen Farben der Trauer der Asche vergaß er nicht ...

 

Eine vergessene Landschaft und ihre Menschen erleben durch die Filme von Edgar Reitz überraschend internationale Aufmerksamkeit und geradezu eine Umkehr ihres Ansehens. Das filmische Epos „Heimat“ von Edgar Reitz, das ganz seiner Heimat, dem Hunsrück, gewidmet ist, wird zum Ausgangpunkt eines völlig anderen Blicks auf diese Landschaft und den Wert von „Heimat“ in einer globalisierten Welt. Jahrzehntelang war das Wort „Heimat“ von den Nationalsozialisten für ihre Ziele missbraucht und dann in der Nachkriegszeit aus dem Sprachgebrauch verdrängt worden. Mit der Filmreihe von Edgar Reitz kehrt das Wort „Heimat“ zurück und die Menschen nehmen die Botschaft dankbar auf, wie einen langen vermissten Schatz. Das Leben auf dem Hunsrück wird damit zu einem allgemeinen Versprechen von dem, was Heimat meint: Menschlichkeit und Überschaubarkeit in einer zunehmend verwirrenden Welt.

 

Vom unwirtlichen Landstrich zum Sehnsuchtsort

 

Es hat lange gedauert, bis die Menschen auf dem Hunsrück sich mit dieser medialen Aufmerksamkeit anfreundeten und die Wertschätzung, die darin steckt, annehmen konnten. Zu lange waren sie von Obrigkeiten fremdbestimmt gewesen, in Armut gefangen und letztlich auch noch als Landschaft mit zahllosen militärischen Einrichtungen und Atomsprengköpfen, als „Flugzeugträger der Nation“, ausgenutzt worden. Dann auf einmal, Mitte der Achtziger Jahre, der „Kalte Krieg“ ist noch nicht richtig vorbei, finden sich die Hunsrücker unverhofft im Zentrum eines überregionalen Interesses wieder. Für zahllose Menschen in aller Welt werden der Hunsrück und seine Dörfer zur „Heimat“ der Heimat. Es ist Hunsrücker Alltag, mit dem sich Menschen in ganz unterschiedlichen Kulturen identifizieren können; ob in Japan oder in Brasilien. Ein erstaunliches Phänomen, wo Heimat doch gerade in den Unterschieden, in den lokalen Eigenheiten wahrnehmbar wird. Vielleicht liegt das Geheimnis dieser breiten Faszination gerade in dem dichten, bisweilen bis an die Schmerzgrenze genauen Blick auf die kleinen Dinge und großen Gefühle der Menschen in den Hunsrückdörfern. Dieses Ringen um Ehrlichkeit und Authentizität - um einen leider überstrapazierten und oft nicht angemessen verwendeten Begriff zu wählen – zeigt im Filmepos „Heimat“ seine ganze Kraft. Edgar Reitz hat recht behalten, als er sich entschloss, Drehorte und Darsteller im Hunsrück zu suchen und nicht auf die preiswerte Filmstudiovariante zu setzen. So legte er das große Identifikationspotential frei, dass die dörfliche Kultur unserer Vorfahren auch gerade heute für die Menschen im Hunsrück und in aller Welt hat. Das Dorf „Schabbach“ und die Hunsrücker Landschaft ist dadurch zum Synonym für eine verlorene Welt geworden, ein Ort der Sehnsucht.

 

Ein Erfolg mit Folgen

 

Im Hunsrück hat das Filmepos von Edgar Reitz ein neues Interesse an der eigenen Geschichte geweckt, die ohne diesen kraftvollen medialen Perspektivwechsel nicht denkbar gewesen wäre. Das liegt sicher auch an der eigenwilligen Mischung aus Phantasie und Realität der Heimat-Reihe, die eine ganze Landschaft einer neuen Selbst-Erfahrung aussetzt. Das wird auch oder dadurch möglich, dass die Drehorte sich weit gestreut in der Hunsrücker Landschaft finden und die geographische Verortung der Spielfilme damit scheinbar omnipräsent ist. Allein das Filmdorf „Schabbach“ ist eine kunstvolle Neuschöpfung von Drehorten in mindestens sechs Dörfern. Die Veränderung des Selbstwertgefühls ist im ganzen Hunsrück spürbar. Es zeigt sich in den erfolgreichen Filmvorführungen des Provinzkinos in Simmern, in den Ausstellungen des Hunsrückmuseums im Schloss von Simmern, im „Café Heimat“ in Morbach, im „Günderodefilmhaus“ bei Oberwesel, in zahllosen Lesungen, Wanderungen, Bustouren und anderen touristischen „Heimat-To-Go“-Veranstaltungen hunsrückweit. Das neue Interesse ist dabei nicht auf Einheimische beschränkt, im Gegenteil: Menschen von weither fühlen sich angesprochen und möchten sich vor Ort, im Hunsrück, aktiv mit dem Thema „Heimat“ beschäftigen.

 

Im Zentrum der Heimat-Geographie

 

Immer mehr Menschen aus den „Schabbach“-Dörfern, allen voran Gehlweiler, wollen nun den Roten Faden der filmischen Erzählung aufnehmen, ihre Geschichte weiter spinnen. Das ist ganz im Sinne des Regisseurs Edgar Reitz, dessen Aktivitäten und Ideen sich auch weiterhin mit seinen Wurzeln und seiner Hunsrück-Heimat befassen. So denkt er über kleine Filmtheater nach, verteilt in den Dörfern über den ganzen Hunsrück. Liegt in der umfassenden Wirkung der Heimatserie über mehr als drei Jahrzehnte vielleicht eine Chance den ländlichen Raum zu stärken, ihm eine Zukunft zu geben? Diese Frage bewegt nicht nur die Hunsrücker und hat schon zu vielfältigen Lösungsversuchen geführt. Es geht um die große Herausforderung Tradition, Gegenwart und Zukunft in den Dörfern erfolgreich zusammen zu führen. Reine Wohn-Schlafsiedlungen oder die Schaffung künstlicher Idylle führen nicht weiter. Es braucht eine erhaltende Erneuerung von unten, die von den Menschen und ihren Bedürfnissen ausgeht. Das große Engagement für das Thema „Heimat“ im Hunsrück, könnte einen neuen Weg weisen, das Leben in den Dörfern wieder attraktiver zu machen – jenseits von Sentimentalität, aber auch jenseits vom inflationären Gebrauch touristischer Kategorien.

 

Das „Heimat“-Haus in Gehlweiler

 

Gehlweiler könnte in einem solchen Prozess zum Kristallisationspunkt werden. Die Vorrausetzungen dafür sind in dem traditionsreichen Hunsrückdorf besonders gut. Gehlweiler stellt die Hauptdrehorte der ersten und der letzten Heimat. Hier gibt es seit Jahren ein etabliertes und bewährtes ehrenamtliches Engagement und eine Reihe von Mitwirkenden am Filmepos vor und hinter der Kamera. Schon jetzt hat Gehlweiler jährlich über tausend Besucher. Dieses Interesse am Ort der „Heimat“ ist langsam gewachsen und von niemandem in dieser Form geplant gewesen. Aber die Anziehung ist stark. Sie verweist in eigener Sprache auf die Kraft dieses Ortes, der eine reale und eine Filmgeschichte hat; eine ganz einmalige Konstellation.

 

Ein kleines Haus, das „berührt“.

 

Die Faszination geht vor allem von der unvergleichlichen Atmosphäre im ärmlichen Fachwerkhaus an der Hauptstrasse aus, dass Edgar Reitz als Hauptdrehort für sein letztes Werk „Die andere Heimat“ auswählte. Die niedrige Wohnstube mit Feuerstelle erscheint in jedem Detail als ein Ort, den seine Bewohner gerade erst verlassen haben. Die Asche ist noch nicht kalt. Und tatsächlich ist es nicht lange her, dass die Filmfamilie

Simon genau hier, unter dieser niedrigen Decke, verzweifelt ihre Wege aus der Not gesucht hat. Alle Innenaufnahmen des Spielfilms stammen aus diesem Haus und die Blicke von innen nach außen durch die winzigen Fenster zeigen die Brücke, die erste Station des großen Trecks in eine unbekannte Zukunft. Gäste, die am Holztisch in dieser dunklen Stube mit offener Feuerstelle Platz nehmen, treten eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit an. Sie finden sich wieder im Alltag einer Bauernfamilie um 1840. Lange verschüttete Geschichten und Kindheitserinnerungen tauchen auf und die meisten der Anwesenden spüren etwas davon, was Heimat auch für sie bedeutet. Diese Erfahrungen sind der professionellen Kulissenkunst der Filmarbeiter zu verdanken, aber sicher auch der Tatsache, dass dieses einfache Haus tatsächlich über Jahrhunderte das Lebenszentrum einer Hunsrücker Familie war. Anders als in den restaurierten Ausnahmeanwesen der Museumsdörfer bietet es die Chance den eigenen Wurzeln ganz nah zu sein, sie dicht zu spüren. Unaufgeregt und in großer Selbstverständlichkeit werden die Besucher im Heimathaus von Ehrenamtlichen empfangen und bewirtet. Es entsteht eine Situation, der sich kaum jemand entziehen kann und so entwickeln sich aus einfachen Gesprächen die großen Themen wie von selbst. Es geht um das eigene Leben in den Dörfern, das Glück auf dem Lande zu leben, aber auch um die schmerzlichen Erfahrungen in einer Zeit, in der der ländliche Raum zunehmend abgewertet wird.

 

„Heimat“ weitererzählen

 

Der Austausch zwischen Fremden und Einheimischen hat inzwischen eine Eigendynamik entwickelt, die Potential für Neues bietet. In Gehlweiler finden sich die Menschen, welche die Geschichte weitererzählen, an der letztlich unendlichen Geschichte weiterstricken können. Dazu bietet Gehlweiler die Plätze, die dazu den richtigen Rahmen bieten. Auch ein Verein wurde gegründet, der „Verein Schabbacher Kultur- und Heimatfreunde e.V.“ Es lohnt sich daher aus meiner Sicht, darüber nachzudenken, wie man aus dem Ehrenamt heraus eine zukunftsfähige Struktur entwickeln kann. Dabei soll es auf keinen Fall um eine neue Art von Freilichtmuseum gehen. Gehlweiler soll kein Museumsdorf für „Kulturgeschichte im Vorübergehen“ werden mit aufdringlicher Didaktik, Videovorführungen, Kopfhörern und anderen Weisen dem Besucher zu sagen, was wichtig ist. Es geht vielmehr um Raum für soziales Leben in kleinen Gruppen und um die Initiierung von Prozessen zur Entwicklung und Stärkung der Identität im ländlichen Raum. Gehlweiler bietet dazu in unvergleichlicher Weise die überaus lebendige Anwesenheit einer Vergangenheit, eine ästhetische Erfahrung, eine Ahnung von den Ahnen, die nicht nur aus den einzelnen Exponaten entsteht. Diese Atmosphäre ist nicht geplant, wie die eines Erlebniseinkaufs, sondern entsteht immer neu durch die Menschen in Gehlweiler und den Gästen aus aller Welt, die hier Zeugnis abgeben für sich und ihre Heimat.


 

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