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Bladdschwäddse in Brasilie

Von Georg Fox Bladdschwäddse in Brasilie: „Yeete foleks xprooch is es heechste austruk fon sayne kultur!“Mundart ist ein Stück Heimat. Das spürt man besonders dann, wenn man die Heimat verlässt und sich prompt das „Hemmweh“ einstellt. Vor 190 Jahren wanderten Bauern aus dem Hunsrück nach Brasilien aus. Sie ließen sich bei Porto Allegre nieder. Ihre Fertigkeiten in der Landbebauung und im Handwerk brachten sie mit in die neue Heimat. Im Kopf und ihrem Herzen trugen sie zusätzlich auch die „Mudderschbròòch“ über den großen Teich. Erstaunlich ist, dass sich die Sprache über fast 200 Jahre erhalten hat. Es gibt in Brasilien heute noch viele Mundartsprecher, darunter etwa eine Million im südlichen Brasilien, insbesondere im Gebiet von Santa Cruz do Sul im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Hier existieren auch heute noch Gemeinden, in welchen Riograndenser Hunsrückisch aktiv gesprochen wird. Insgesamt bis zu drei Millionen Brasilianer sprechen Deutsch als Muttersprache. Damit ist Deutsch die zweithäufigste Muttersprache des Landes. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es (besonders im Süden) ganze Gemeinden, in denen ausschließlich Mundart gesprochen wurde, da die deutschen Auswanderer und deren Nachfahren über eine gute Infrastruktur aus Schulen und Vereinen verfügten und zumeist in relativ geschlossenen Kolonien lebten. Als während des autoritären Regimes des Estado Novo (1937–1945) eine Nationalisierungskampagne betrieben wurde, geriet die deutsche Gemeinschaft zunehmend unter Druck, da der Staat den Assimilierungsprozess forcierte. Der Eintritt Brasiliens in den Zweiten Weltkrieg bot den entsprechenden Anlass, um die Sprachen der Feindstaaten zu verbieten und deutsche Schulen zu schließen, woraufhin das Portugiesische auch in diesen Ortschaften Einzug hielt (Quelle: WIKIPEDIA). Die Nachfahren der Auswanderer haben ihren Dialekt in der neuen Heimat als hunsrückische Regionalsprache oder auch Hunsrücker Platt gepflegt. Bei einer Buchmesse in Saargemünd im Rahmen der Aktion „Mir redde Pladd“ treffe ich Solange Maria Hamester-Johann. Ihre Großmutter stammt aus Hermeskeil aus einer Familie Simon, der Großvater stammt von der Mosel. Bereits zum dritten Mal hat Frau Hamester die weitere Reise in unserer Gegend angetreten, um ihre Heimatsprache aufzufrischen. „Das iss unser Mudderschbròòch, Hunsrigger Bladd!“, sagt die Projektleiterin für die Mundartsprache in ihrem Heimatort in Brasilien. Sie spricht seit vier Jahren regelmäßig Mundart-Kommentare in Radiostationen, deren Programm in vier brasilianischen Bundesstaaten ausgesendet wird. Der Film „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz ist eine anschauliche Darstellung der Auswanderungsbewegung aus dem Hunsrück im 19. Jahrhundert. „Mier wolle das andworde, mier wolle e glaine Film andworde uff „die andere Heimat“ unn zeische, was daraus genn iss, was die dord ferdisch gebrung hann“, sagt Solange Hamester in ihrer Hunsrücker Sprachfarbe. Natürlich hätte man annehmen können, dass über eine so lange Zeitspanne und wegen der zeitweise ausgeübten staatlichen Repressionen die Mundart verschwindet. Da wurde aber wohl die Rechnung ohne den „Hunsrigger Diggkobb“ gemacht. Dazu Frau Hamester: „Die Sprache verliert sich nicht. Es gibt noch ältere Leute, die noch nie brasilianisch gelernt haben. Wir haben unsere Mundart eingeschrieben bei der UNESCO als eigenständige Sprache in Lateinamerika. Seit 2 Jahren gibt es Gesetze und der Staat hat es unterzeichnet, dass unsere Sprache kulturell und historisch zur Erbschaft unseres Staates gehört.“ Als Lehrerin für Mundart unterrichtet Solange Hamester im Schulbereich der Grundschule. Alle Grundschüler/innen ihrer Gegend bis hin zur 5. Klassen lernen das Portugiesisch und die Mundart, ab der 6. Klasse kommen je nach Schulausbildung als Lernfach Hochdeutsch und Englisch, evt. Spanisch dazu. Auch mit Vorurteilen gegen die Mundart hat man in Brasilien zu kämpfen. Mundart gilt oft als verkehrtes Deutsch („Heggedeitsch“). Es gab eine Zeit, da haben sich die Leute wegen ihrer Mundart geschämt. „Jedes Volk darf seine Identität behalten“ meint Solonge Hamester, die ihr Sprachprojekt durch die internationale linguistische Gesellschaft unterstützt sieht, welche auch die spezielle Schreibweise der brasilianischen Komponente der „xeen Hunsrik-Xprooch“ entwickelt hat. Sie plädiert für eine Angleichung der Schreibweisen, um die Verständigung untereinander zu erleichtern. Die engagierte Projektleiterin kann auch auf Texte in der Hunsrücker Sprache verweisen. Neben Schriften wie „Mayn ëyerste 100 Hunsrik Wërter“ hat Frau Hamester „Te kleene Prins“ von Saint Exupéry in ihre Mundart übersetzt und als Buch publiziert (mit Akwarële fom Autor). Das Lesen der deutschen Regionalsprache ist zugegeben nicht immer ganz einfach. Viel einfacher und verständlicher ist es, die brasilianische Mundartsprecherin zu hören. Als kleines Beispiel zitiere ich aus dem Vorwort zu einem der Schriften: „Yeete foleks xprooch is es heechste austruk fon sayne kultur. Istorich tas woo ti layt sich aus xprëche, sayn sentimentales un sayne klaawe aus tuun. Es sin xon 180 yoer hëyer tsayt tas ti ëyerxte Xërmanixe layt in Prasil kewanert khom sin un fille keechente pewoont hon…“ (Übertragung: Jede Volkssprache ist der höchste Ausdruck von seiner Kultur. Historisch das, womit die Leute sich aussprechen, seine Gefühle, und seinen Glauben ausdrücken. Es sind schon 180 Jahre her, seit dass die ersten germanischen Leute in Brasilien gewandert kommen sind und viele Gegenden bewohnt haben…)

 

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